Am
29. März 1863 trat unter dem Namen "Bestimmungen
für das Armenische Volk" eine Bestimmung in Kraft,
die den Zustand der armenischen Gesellschaft im Osmanischen
Reich noch mehr verstärkte, ihnen weitere zusätzliche
Rechte gab und ihre Selbstverwaltung für unabhängig
erklärte. Diese Bestimmung, die den Armeniern zusätzlich
zu ihren vorhandenen Rechten, zahlreiche neue Rechte hinzugab,
ist gemäß den Bestimmungen der Reformverordnung
eine Belohnung an die, seit Hunderte von Jahren als treueste
Staatsangehörige anerkannten Armenier. In dieser, mit
dem Einverständnis des Osmanischen Reiches direkt seitens
der Armenischen Patriarchenräte aufgestellten Bestimmungen
wurden den Armeniern unangemessene Privilegien wie z.B. "Staat
innerhalb eines Staates" und "Verwaltung innerhalb
einer Verwaltung" zugeteilt. Die Armenier wollten mit
dieser "Völkerbestimmung" in einer Hinsicht
die Gewaltherrschaft der edlen Armenier beheben. In dieser
Zeit lebten die gregorianischen Armenier unter der Verwaltung
ihres Patriarchen in Istanbul, in 26 bischöflichen Residenzen
und die katholischen Armenier, von denen die meisten in der
Stadt lebten, standen unter der Verwaltung eines Patriarchen
und lebten in 13 bischöflichen Residenzen (1). Der armenische
Schriftsteller Kagik Ozanyan erklärte, dass diese Bestimmung
bei den Armeniern den Revolutionsgedanken hervorgebracht hat
und damit "Die Armenier- Frage auf die Tagesordnung gebracht
wurde" (2).
DIE
UNABHÄNGIGKEITSARBEITEN DER ARMENISCHEN KIRCHE
Nachdem
im Jahre 1863 die "Bestimmungen für das Armenische
Volk" veröffentlicht wurden, begannen die Patriarchen
mehr auf der nationalen und politischen Seite zu arbeiten.
Diese Bestimmungen stellten für die Armeniern einen Schritt
zur Unabhängigkeit dar und sie hofften, dass falls, der
auf Grund der Vorfälle in Libanon aufgetretene Eingriffe
Europas erweitert werden sollte, damit sie einen Nutzen daraus
ziehen können. Die im Osmanischen Reich für die
unabhängige Armenien aufgetretenen Aufstände (zwischen
den Jahren 1780 -1862) führten zu keinem Ergebnis (3).
Der
Führer des Gedanken, ein unabhängiges Armenien im
Osmanischen Reich zu gründen, ist der Patriarch Migirdic
Hirimyan (1869 - 1873). Der im Jahre 1820 in Van geborene
Migirdic Hirimyan wurde im Jahre 1854 im Alter von 34 Jahren
zum Priester (4) der Akdamar- Kirche und somit auch zum Mitglied
der Kirche. Mit der, im Jahre 1858 im Varak Kloster in Van,
gegründeten Druckerei begann er für die Unabhängigkeit
der Armenier die Zeitung mit dem Titel "Van- Adler"
herauszubringen und im Jahre 1863 veröffentlichte er
im St. Garabed- Kloster in Mus die Zeitung mit dem Titel "Mus-
Adler." Hirimyan weckte mit seinen Predigten Interesse
und wurde 1869 in Istanbul zum armenischen Patriarchen gewählt.
(5)
Nachdem
er zum Patriarchen gewählt wurde, erwachten die nationalen
Interessen der Armenier und stiegen bis an die Spitze. Der
Patriarch Hirimyan begann sofort nach seinem Dienstantritt
auf zwei Grundsätzen zu arbeiten:
a.
Eine erneute Untersuchung der "Bestimmungen für
das armenische Volk" und die Überarbeitung dieser
nach den Wünschen und Bedürfnissen der Provinzen,
b.
Das Interesse Istanbuls, des Parlaments und der Regierung
auf Armenien zu ziehen. (6)
Einige
Bankangestellte, Juweliere und Staatsbeamten, die zur Hirimyans-
Politik, die Armenier in Abenteuer zu bringen, nicht zustimmten
und ihre Zukunft darin sahen, an die Türkei gebunden
weiterzuleben, leisteten gegen ihn Widerstand. Als Hirimyan
schließlich seinen Zweck als Patriarch nicht erreichen
konnte, musste er im August 1873 sein Amt niederlegen.
Der
Patriarch Nerses Varjabedyan (1874 - 1884) trat an seine Stelle
und ging in den Fußstapfen Hirimyans. Im Jahre 1876
kam Abdülhamit II. an den Thron und verkündete den
I. Konstitutionalismus. Nerses Varjabedyan übergab dem
englischen Generalbotschafter Henry Elliot bei der Istanbul-
Konferenz, die sich zur Lösung des Bulgarien-Problems
versammelte (12. Dezember 1876 - 20. Januar 1877) einen, seitens
des ehemaligen Patriarchen Hirimyan aufgestellten Bericht,
der über den, angeblich auf den osmanischen Armeniern
ausgeübten Druck berichtete, erlangte jedoch auf Grund
des Themas der Konferenz kein Resultat (7).
Die
Beschwerdenberichte und -anträge, die zur Zeit des Hirimyans
begannen, nahmen nach dem Problem der Christen im europäischen
Teil einen ernsthaften Zustand an. Nach der Untersuchung der,
seitens des Patriarchats bei der Osmanischen Regierung und
den europäischen Staaten eingereichten Unterdrückungsberichte
wurde festgestellt, dass die meisten dieser nicht weiter als
einfache, in den Provinzen vorgekommene Vorfälle waren.
Während das Patriarchat einerseits jeden Vorfall systematisch
übertreibend an die Regierung weiterleitete, wurden diese
andererseits in Form von wichtigen Vorfällen an die Vertreter
der europäischen Staaten übermittelt.
Vor
dem Osmanisch-Russichen Krieg in den Jahren 1877 - 1878 kamen
für die Armenier zwei Wege in Frage:
a.
Dem Osmanischen Reich und den Türken treu bleiben.
b. Die Bewegungen der anderen christlichen Gesellschaften,
die sich im Osmanischen Reich aufhielten verfolgend voranzugehen
und den Eingriff der europäischen Staaten zu ermöglichen.
Patriarch
Nerses berichtete in seinem Brief vom 13. April 1878 an den
englischen Außenminister Lord Salisbury folgendermaßen:
"Von
nun an ist es unmöglich, dass die Armenier zusammen mit
den Türken leben. Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und
Glaubensfreiheit kann nur von einer christlichen Verwaltung
gewährleistet werden. Die christliche Verwaltung sollte
an die Stelle der islamischen treten. Armenien (Ostanatolien)
und Kilikien (8) sind diejenigen Orte, an denen die christliche
Verwaltung gegründet werden muss... Dies ist der Wunsch
der türkischen Armenier... Es bedeutet also, dass auch
im Türkei-Armenien, genauso wie in Libanon, eine unter
Sicherheit gestellte christliche Verwaltung verlangt wird.
" (9)
Patriarch
Nerses besuchte am 17. März 1878 den englischen Generalbotschafter
Layard in Istanbul und es fand folgendes Gespräch statt:
"Vor einem Jahr hatten wir keine Beschwerden bezüglich
der osmanischen Verwaltung , doch der russische Sieg hat den
Zustand verändert, wir fordern im Osten ein unabhängiges
Armenien. Falls Sie uns dabei nicht weiterhelfen können,
werden wir uns diesbezüglich an Russland wenden."
Als der Botschafter ihn fragte, was er mit Armenien meine,
antwortete er "Van, Sivas, Diyarbakir und Kilikien."
Als der Botschafter meinte "Ja, aber in keinem dieser
Orte seid ihr in der Mehrheit", erläuterte er das
Ziel der Armenier mit folgenden Worten "Das wissen wir,
aber jetzt erweitert Russland sein Land nach Osten, das Machtgleichgewicht
zwischen Russland und dem Osmanischen Reich hat sich verändert.
Wir müssen auch an unsere Zukunft denken." (10)
Der
Osmanisch- Russische Krieg (1877 - 1878) wurde am 31. Januar
1878 nach dem Friedensantrag der Osmanen mit dem Waffenstillstand
in Edirne abgeschlossen (11), die Friedensvoraussetzungen
wurden in Ayastefanos (Yesilköy) festgesetzt. Während
der Besprechungen zu den Friedensvoraussetzungen in Haghi
Stephanos führten Nerses Varjabedyan persönlich
und einige armenische Angesehene ein Gespräch mit Grandük
Nikola, dem Vorsitzenden der russischen Delegiertenkommission
und dem Bruder des Zaren und schafften es, der Vereinbarung
einen Artikel im Bezug auf die Armenier hinzuzufügen.
Die am 3. März 1878 zwischen dem Osmanischen Reich und
Russland unterzeichnete und relativ schwere Bestimmungen beinhaltende
Haghi- Stephanos-Vereinbarung hatte in seinem 16. Artikel
mit der Benennung "Armenien" die Existenz eines
solchen Landes vorgelegt. Doch diese Vereinbarung trat nicht
in Kraft.
Als
der Patriarch Varjabedyan davon erfuhr, dass die Haghi- Stephanos-Vereinbarung
in Berlin geändert werden sollte, trat er in Aktion und
zeigte vor allen, an dem Kongress teilnehmenden Staaten eine
intensive Aktivität. Zu diesem Zweck fuhr Horen Nar Bey,
der Erzbischof von Besiktas nach Russland (St. Petersbug)
und wurde seitens Zar Alexander des II. empfangen. Horen Nar
Bey bat den Zaren darum, die osmanischen Armenier weiterhin
zu beschützen und ihren Kampf beim Kongress in Berlin
zu verteidigen. Eine andere Gruppe fuhr unter der Führung
des ehemaligen Patriarchen Hirimyan in die Hauptstädte
Europas (Rom, Wien, Paris, London) und versuchte die Politiker
durch Propaganda für den Armenischen Kampf (Hai- Tahd)
zu gewinnen. Diese Gruppe hatte zur Gründung Armeniens
in der Türkei ein, aus 7 Artikeln bestehendes Projekt
aufgestellt, dass die Wünsche der Armenier darstellte.
(12)
Der
Patriarch Nerses Varjabedyan hatte einerseits in dem Brief
( 13) an Karekin Papazyan, dem armenischen Komiteevorsitzenden
in Manchester erklärt, dass ihre Politik, Russland dankend
und von England Hoffnung erhaltend an Materiellen und geistlichen
Wohlstand zu gelangen ist, und erklärte andererseits
bei seinem, am 30. Juni dem Generalbotschafter von England
abgestatteten Besuch, dass sie ihr Projekt beim Kongress eingereicht
haben und verlangte, dass England dieses Projekt unterstützt
sollte. (14)
Der
Patriarch Nerses hat den großen Staaten außerdem
Kirchenstatistiken über die, im Osmanischen Reich lebenden
Armenier zugeschickt, die jedoch im Bezug auf die Einwohnerzahl
relativ übertrieben waren.
Schließlich
wurde diese künstliche Angelegenheit durch einige kleine
Umänderungen des 16. Artikels der Ayastefanos-Vereinbarung
als 61. Artikel des, am 13. Juli 1878 unterzeichneten, Berliner
Abkommens anerkannt. Somit wurde die "Armenier- Frage"
als eine, unter Aufsicht der großen Staaten im Osmanischen
Reich durchzuführende "Reformangelegenheit"
festgesetzt.
Nuryaz
Ceraz, die zusammen mit Patriarch Hirimyan als Übersetzerin/Sekretärin
am Berliner- Kongress teilnahm, hat in ihrer 1879 veröffentlichten
Broschüre betont, dass die Armenier mit den Resultaten
des Berliner- Kongresses nicht ihre Hoffnung verlieren sollen
und sprach sie folgendermaßen an: (15 )
"Der
Berliner- Kongress.... hat das Fundament für den zukünftigen
zu gründenden nationalen Bau (der Armenische Staat )
angelegt ... Europa hat uns hierfür die Waffen zur Verfügung
gestellt. Wir müssen diese Waffen benutzen, bevor sie
verrosten... Mit dem Berliner- Kongress haben wir eine Goldmine
erhalten, es ist nun unsere Aufgabe, diesen Bergbau zu betreiben
und das Gold auszugraben."
Wie
in dieser Broschüre zu sehen ist, wird den Armeniern
empfohlen, eine bewaffnete Aktion durchzuführen, die
seitens der europäischen Staaten unterstützt wird.
Der
Patriarch Nerses Varjabedyan glaubte daran, dass diese Angelegenheit
mit einer Revolution und einem Aufstand bewältigt werden
müsse und um dieses Fundament aufzustellen hat er im
Patriarchat eine "Reformkommission" gegründet.
In dem, Mitte 1879 an die bischöflichen Residenzen zugestellten
Rundschreiben wurden die Armenier mit einem Satz zum Aufstand
aufgerufen. In diesem Rundschreiben standen die Anforderungen
an die armenischen Gläubigen, die sich in den Provinzen
befanden (16).
Inzwischen
beschäftigte sich Erzbischof Mateos Izmirliyan, der stellvertretende
armenische Patriarch in Istanbul damit, an die bischöflichen
Residenzen Briefe zu schreiben. Nach Untersuchung dieser Briefe
wurde festgestellt, dass das Patriarchat sich in einem verräterischen
Zustand befand, und dass das geführte Verhalten danach
gerichtet war, die Regierung zum Umsturz zu bringen, einen
fremden Eingriff zu gewährleisten und schließlich
eine Unabhängigkeit zu erhalten. ( 17 )
Zu
den verschlüsselten Schreiben, die in den Jahren 1881
und 1882 an das Innenministerium eingereicht wurden und über
die staatsfeindlichen Aktionen des Patriarchats berichteten,
nahm Hakki Pascha, der Gouverneur von Sivas folgendermaßen
Stellung: (18)
Das
Patriarchat hat begonnen, an die Bischöfe Rundschreiben
zuzuschicken, die auf die Vorbereitungen auf eine Revolution
und einen Aufstand hinweisen. Das Patriarchat hat die vernünftigen,
älteren Bischöfe und Priester, die eingesehen haben,
dass eine Revolution und ein Aufstand kein Ausweg für
die Armenier ist, dass dem armenischen Volk dadurch ein Schaden
zugefügt wird und ihre Befehle demnach nicht befolgten,
wurden von ihren Diensten verwiesen (einige von ihnen wurden
ermordet) und anstelle dieser, junge und revolutionäre
Bischöfe und Priester angestellt. Das Patriarchat hat
mit seinen geheimen Rundschreiben in die Volkszählung
eingegriffen, was eigentlich eine Sache des Staates ist und
Studien aufgestellt, nach denen die Armenier angeblich in
6 Provinzen in der Mehrheit sind. Das Patriarchat hat von
den Armeniern unter verschiedenen Namen ( Hilft den notdürftigen
Armeniern, die Auszahlung der Schulden von Jerusalem u.ä.)
Steuern einbezogen und in der europäischen Presse zugunsten
der Armenier und gegen die Türken umfangreiche Propaganda
durchgeführt. Hierzu haben sie versucht, die Türken
für die Mordvorfälle verantwortlich zu halten und
nicht den Tatsachen entsprechende Mordnachrichten verbreitet.
Zusammengefasst haben sie die Vorfälle umgedreht und
eine Kampagne mit falschen und verleumdenden Aussagen gestartet.
Hunderte von Liras (Goldstücke), wurden seitens des Patriarchats
von den Armeniern unter dem Namen "Hilfe" eingesammelt.
Mit einem Teil dieser Gelder haben sie aus Russland nach Ostanatolien
bewaffnete Terrorgruppen und Rebellen eingeführt und
somit eine Terrorbewegung gestartet. Die Priester haben in
zwei bis drei Jahren, die Gedanken aller Armenier bis zu den
Kleinkindern in den Armenierschulen verändert und den
Respekt vor den Befehlen der Regierung, sowie die Befolgung
dieser von Grund auf zerrüttet.
Das
Patriarchat hat die Gründung der Komitees unterstützt
und an diese große Geldspenden weitergeleitet. Es ist
vom Nutzen darauf hinzuweisen, dass die Komitees unter der
Leitung des Patriarchats waren.
Nach
dem Tod von Nerses Varjabedyan im Jahre 1884 wurde Harutyun
Vehabedyan (1885 - 1888) der Bischof von Erzurum, im Jahre
1885 zum Patriarch gewählt. Vehabedyan billigte die Politik
von Migirdic Hirimyan und Nerses Varjabedyanund glaubte daran,
dass für die Besserung des Zustandes der Türkei-Armenier
von Europa keine Hoffnung zu erwarten sei.
Zur
Zeit von Harutyun Vehabedyan, der drei Jahre lang Patriarch
blieb, entwickelten die armenischen Aufstandskomitees ihre
Organisationen und eröffneten in Europa und in den USA
weitere Zweigstellen. Nun stand der armenische Nationalismus
mit anderen Worten die Unabhängigkeit fordernde revolutionäre
Bewegung neben der Kirche und wurde auf die armenischen Revolutionsparteien
übertragen. Die erste armenische politische Partei, die
einen bestimmten Einfluss gewann, sich nach dem Modell der
europäischen Vorgänger organisierte und sein eigenes
Presseorgan besaß, war die "Armenagan", die
im Jahre 1885 in Van gegründet wurde (19). Im Jahre 1887
gründeten die Armenier in Genf ihre erste marxistische
Partei. Diese nahmen später, im Jahre 1890 den Namen
"Revolutionäre Hintschak- Partei" an ( 20 ).
Zur
Zeit von Horen Aþýkyan ( 1888 - 1894) dem Hauptpriester
des Klosters von Izmit und dem Nachfolger von Harutyun Vahabedyan
wurden die in den Provinzen auftretenden einfachen Vorfälle
seitens der dortigen Bischöfe übertrieben und nach
der entsprechenden Interpretation als "Türkische
Unterdrückung und Folter" ( ! ) an Europa weitergeleitet,
woraufhin auch ein diesbezüglicher Eingriff gefordert
wurde.
Doch
die armenischen Revolutionäre haben auf Patriarch Horen
Asikyan mit der Begründung, er könne die von ihm
verlangte Aktivität nicht durchführen, ein Attentat
verübt. Der Patriarch wurde dabei nur verletzt und ist
nach diesem Vorfall von seinem Dienst zurückgetreten.
( 21 )
Anstelle
von Horen Asikyan wurde Mateos Izmirliyan ( 1894 - 1896 ),
der ehemalige Patriarch von Ägypten, zum armenischen
Patriarch von Istanbul gewählt, was die Hintschaks sehr
erfreute. Er hat auch diejenigen Beamten angestellt, die Komiteemitglieder
waren. Izmirliyan hat nicht nur den Revolutions- und Aufstandsgedanken
verbreitet, sondern auch alle Arbeiten der Regierung schwer
kritisiert und an das englische Generalkonsulat und an die
Londoner Zeitungen Berichte zugeschickt (22).
Die
Aufstände, die zur Zeit von Mateos Izmirliyan für
die Unabhängigkeit der Armenier durchgeführt wurden,
verbreiteten sich rasch in fast allen Provinzen (23). Diese
Aufstände wurden mittels des Geschicks von Abdülhamit
II. in kurzer Zeit unter Kontrolle genommen. Als Izmirliyan
daraufhin von seinem Amt austrat und nach Jerusalem zog, wurde
er nach seiner Rückkehr nach Istanbul zum zweiten Mal
( 1908 - 1909) zum Patriarchen ernannt (24).
DIE
VERKÜNDUNG DES KONSTITUTIONALISMUS UND DIE ZUSAMMENARBEIT
ZWISCHEN KIRCHE - TASCHNAK - HINTSCHAK
Als
am 23. - 24. Juli 1908 der II. Konstitutionalismus verkündet
wurde, wurde das Patriarchat mit seiner ganzen Existenz zu
einer Revolutionäreinrichtung. Die armenische Kirche
nahm auch nach dem Konstitutionalismus seinen Platz im Terror
ein.
Der
Bericht mit der Zahl 602 (25), der am 3. Dezember 1910 von
der russischen Botschaft in Bitlis an den russischen Botschafter
in Istanbul geschickt wurde, bringt die Beziehung zwischen
der Kirche und den Taschnak-Angehörigen mit ganzer Klarheit
ans Tageslicht.
Direkt
nach dem "Vorfall vom 31. März" in Istanbul
war der Staat vorläufig ohne Regierung, was den Armeniern
die erwartete Gelegenheit bot. Der mit der Förderung
des armenischen Bischofs Museg in Adana am 14. April 1909
zustandegekommener Armenieraufstand wurde mit dem Zweck organisiert,
das Interesse der europäischen Länder zu wecken,
sie zum Eingriff zu bringen und in Adana, Maras, Mersin und
Iskenderun mit Hilfe der Hintschaks einen armenischen Staat
zu gründen ( 26 ). Bei den 13-tägigen Vorfällen
in Adana kamen rund 20.000 Türken und Armenier ums Leben,
Bischof Museg flüchtete schon am zweiten Tag der Revolution
nach Alexandria.
Zur
gleichen Zeit, am 29. Mai 1909 fuhr Mateos Izmirliyan, der
armenische Patriarch von Istanbul los, um anstelle des am
Oktober 1907 verstorbenen Ecmiyazin Kathogisen Migirdic Hirimyan
an das Kathogismus Amt zu treten, und an seine Stelle wurde
der Patriarch Yegice Turyan (1909 - 1911) ernannt (27). Nach
ihm wurde Hovannes Arsaruni ( 1912 - 1913 ) zum Patriarchen
gewählt ( 28 ).
"DIE
BESTIMMUNGEN DES ARMENISCHEN KATHOGISMUS UND DES PATRIARCHATS"
Die
seitens des armenischen Patriarchats zum Zweck der Teilung
des Landes durchgeführten Aktivitäten führten
dazu, dass die im Jahre 1863 seitens des Staates mit den "Bestimmungen
für das armenische Volk" eingeführten Rechte
abgeändert werden mussten. Mit dem am 10. August 1916
in Kraft getretenen neuen "Bestimmungen für den
armenischen Kathogismus und des Patriarchats" ( 29 )
wurde nur der geistliche und überlegene Kathogismus,
anstelle des halbgeistlichen, halbpolitischen und administrativen
Patriarchats mit den Befugnissen beider Ämter zusammengeführt
und das Amt Kathogismus-Patriarchat eingeführt. Zwei
Kathogismen, die im Osmanischen Reich vorhanden waren ( Sis
und Akdamar ) und zwei Patriarchate ( Istanbul und Jerusalem
) wurden aufgehoben und anstelle dieser das Amt Kathogismus-Patriarchat
eingeführt. Der Sitz dieses Amtes wurde nicht im politischen
Staatszentrum Istanbul, sondern im christlichen Religionszentrum
Jerusalem versetzt. Auch die Patriarchaträte wurden umgeändert
und der aus 140 Personen bestehende hohe Rat wurde aufgehoben,
anstelle davon wurde ein aus 12 Mitgliedern bestehender Religionsrat
und ein gemischter Rat gegründet. Der Zweck des Osmanischen
Reiches war es, mit diesen Bestimmungen den Kontakt zwischen
dem Eçmiyazin Kathogismus, Russland und den osmanische
Armeniern abzubrechen. Somit wurde versucht, die osmanischen
Armenier vom geistigen Schutz der Russen zu befreien.
Das
Osmanische Reich verlor den Ersten Weltkrieg und wurde nach
den, am 30. Oktober 1918 mit den verbündeten Staaten
unterzeichneten Bestimmungen des Waffenstillstandes von Mundros
besetzt. Jetzt begann die Befreiung des Landes und die Gründung
eines neuen Staates, der Türkischen Republik.
DIE
ARBEITEN DES PATRIARCHEN ZAVEN EFENDI
Der
Waffenstillstand von Mudros war ein wichtiger Schritt bei
der Gründung Armeniens. Gemäß den Bestimmungen
von 1918 gründete der am 6. Dezember 1918 aus Ýstanbul
eingetroffene armenische Patriarch Zaven Efendi ( 30 ) eine
Organisation zur Gründung eines unabhängigen Armeniens,
sammelte Waffen, Munition und Geld, um die finanziellen Mängel
aufzuheben und wurde vom Patriarchat im europäischen
Teil in großem Umfang unterstützt (32).
Unter
dem Titel "Vertreter der türkischen Armenier"
wandte sich Bogos Nubar Pascha am 30. November 1918 an die
verbündeten Staaten und forderte die Gründung eines
unabhängigen Armeniens und den Schutz dieser Unabhängigkeit
seitens der verbündeten Staaten und des Völkerbundes
( 33 ). Auf der anderen Seite fuhr auch Patriarch Zaven Efendi
am 12. Februar 1919 von Istanbul nach Paris und von dort nach
London, um seine Studien bezüglich der Realisierung der
gleichen Sache fortzuführen. Zaven Efendi klärte
Bogos Nubar Pascha bei einer Besprechung über einige
Sachen auf und führte andererseits mit Lord Cecil, Lord
Curzon und seinem Gehilfen Lord Harding, sowie mit dem Franzosen
Chambon und dem griechischen Ministerpräsidenten Venizelos
weitere Gespräche ( 34 ). Um den Dank der Armenier auszudrücken,
besuchte er den englischen König George V. (35). Nachdem
Zaven Efendi von London nach Paris zurückkehrte führte
er mit dem französischen Staats- und Ministerpräsidenten
eine Besprechung und kehrte äußerst zufrieden zurück
(36).
Nach
der Gründung der Türkischen Republik und nach dem
Friedensvertrag von Lausanne gab es keine Armenier- Frage
mehr und abgesehen von der Problematik der armenischen Kirche
war die Republik gegen alle Angelegenheiten, was die armenische
Gesellschaft anging. Das armenische Patriarchat zeigte immer
noch Reaktion gegen den angeblichen Völkermord an Armeniern.
Schließlich
hat Dikran Kevorkan, der Vorsitzende der armenischen Kirche
in Kandilli, beim TV-Programm mit dem Namen "Ceviz Kabugu",
das am 07. Oktober 2000 ausgestrahlt wurde, auf die in den
letzten 6 Monaten erneut vorgeworfene Propaganda, über
den Völkermord und über die Umsiedlung folgende
Erläuterung gemacht :
"Völkermord
und Umsiedlung (ein Teil der Bevölkerung anderswo ansiedeln,
ansässig machen) haben andere Bedeutungen. Die Spiele
der Imperialisten, die apolitischen Gedankenführer (Medien,
Kirchen, Geistliche) der armenischen Verwalter, haben zu all
diesen Vorfällen geführt. Der Patriarch ist ein
geistlicher Führer. Es ist ein Fehler, den Patriarchen
in politischen Themen nach seiner Meinung zu fragen. Was hätten
die ASALA und die PKK tun können, wenn die imperialistischen
Mächte nicht hinter ihnen gestanden hätten?"
Über
die Assimilationsbehauptungen sagte Kevorkan folgendes:
"Weltweit
können heute die Armenier am stärksten ihre eigene
Identität in der Türkei wahren. Der Armenier im
Ausland, in der Diaspora tritt in den Kampf, in dem er seinen
Namen ändert. Denn dort versucht man, mit einer anderen
Kultur, die Kultur dieser Menschen zu unterdrücken. Die
Armenier in der Diaspora, die heute gegen die Türkei
sprechen, wissen all zu gut, dass in bestimmten Kirchen in
Amerika die Predigten nur in englischer Sprache abgehalten
werden können.
Die
Armenier verlernen ihre Muttersprache. Und wenn man das sagt,
dann heißt es, man sei böser Mensch. Aus diesem
Grund bringen wir als armenische Bürger in der Türkei
unser Bedauern zur Sprache. Und warum? Weil dem, von Atatürk
uns anvertrauten Geist der Kuvay-i Milliye (nationale Streitkräfte
im nationalen Befreiungskampf der Türkei) Unrecht getan
wird. Alles ist das Spiel, der im Ausland Lebenden. Die PKK,
die ASALA, diese Resolution, all dies sind ein Spiel von ihnen.
Wir, die in der Türkei lebenden Bürger glauben,
dass ungerecht gehandelt wird. Falls die Armenier klug sind,
sollten sie sich nicht als Mittel ausnutzen lassen."
QUELLEN:
Ortayli,
Ilber: Lokale Verwaltungstradition vom Tanzimat bis zur Republik,
Istanbul 1985, S. 73.
Esat
Uras, og W., S. 412.
Siehe
Erdal, Ilter: Die Perspektive der Armenier-Angelegenheit und
die Zeytun- Aufstände ( 1780 - 1880 ), Ankara 1988, S.
97 - 115.
Die
geistlichen Titel der armenischen Kirche sind folgende:
Kathogismus, Patriarchat, Bischhof, Vartabed, Priester.
Esat
Uras: ogW., S. 417, Louse Nalbandian, a.g.e., S. 53.
Kamuran Gürün: ogW., S. 62,-74 .
Mit dem Ausdruck Armenien ist hier Ostanatolien gemeint. Doch
es wurde wissenschaftlich anerkannt, dass der Begriff Armenien
kein ethnischer, sondern ein geographischer Ausdruck ist.
Der Name Armenien bedeutet soviel wie "Hohes / Oberes
/ Gebirgsgebiet" und wird seit dem XIII. Jh. in diesem
Gebiet (Ostanatolien) bis zur zweiten Hälfte des XIX:
Jh. als "Türkmenenland" bezeichnet. Für
weitere Informationen bitte siehe H.Kemal Türközü,
Der Name Türkmenenland (Ostanatolien) und der Einfluss
des Imperialismus, Ankara, 1985, S. 1 - 12.
Kamuran Gürün, ogW., S. 1 - 9.
Mehlika Akok Kasgarli: a.g.e., S. 329.
Tuncer Baykara: Einführung in die historische Geographie
Anatoliens, Die administrative Einteilung Anatoliens, 1, Ankara
1988, S. 24 - 25.
Esat Uras: ogW., S. 417.
Salahi, Ramsdan: Sonyel, The Ottoman Armenians, S. 41. Kilikien,
ist ein Gebiet, das zwischen dem Taurusgebirge, dem Amanos
Gebirge und dem Mittelmeer liegt. Im administrativen Sinn
ist Kilikien die Bezeichnung für die Provinz Adana im
Osmanischen Reich. Die Grenzen Ziliziens haben sich von zeit
zu Zeit geändert. F. O. 424 / 70, Nu. 134 / I Zikr. ,
Bilal N. Simsir, British Dokuments On Ottoman Armenians (
1856 - 1880 ), Vol I, Ankara 19 R2, S. 173, Dokumentennummer
69.
Kamuran Gürün: a.g.e., S. 99
Nihat Erim: Zwischenstaatliche Rechts-, Politik-, und geschichtstexte
: Abkommen im Osmanischen Reich, C. 1, Ankara 1953, S. 381
- 385. Für das gesamte Projekt siehe Esat Uras,ogW.:
S. 459 - 485.
Enver Ziya, Karal: a.g.e., Band VIII, S. 132; L' Angleterre
et les Armeniens (18391904), S. 19 - 22.
Für
den Brieftext siehe, Esat Uras: ogW., S. 485 -486.
Kamuran
Gürün: a.g.e., S. 104
Turkey-
Nr. 4 ( 1880 ), Nu. 118 / I, zikr.
Bilal ,N. Simsir: ogW., S. 602 - 606.
Dokumentennummer-
Nr. 309.
Mehmet,
Hocacioglu: Armenierbedrückung in der Geschichte und
die Armenier , Istanbul, 1976, S. 181 - 182.
Zum
Inhalt des Briefes siehe Aspirations et Agissement Revolutionnaires
des Comites Armeniens ..., S. 308 - 310
Mehmet,
Hocaoglu: ogW, S. 182 - 185
Louise,
Nalbandian: ogW, S. 90
Louise,
Nalbandian: ogW, S. 104, 1 17.
Sesat,
Uras: a.g.e., S. 724 - 725. Für den Drohbrief, der Horen
Asikyan, seitens der Hincak Organisation zugeschickt wurde,
siehe Aspirations et Agissement Revolutionnaires des Comites
Armeniens ..., S. 310 - 311
Hüseyin
Nazim Pascha: Geschichte der Armeniervorfälle, I, Ankara
1994, S. 66. Für die chronologische Reihenfolge der Aufstände
siehe, Kamuran Gürün, ogW, S. 139 - 159.
Esat,
Uras: a.g.e., S. 833.
Salahi, Ramsdan Sonyel: a.g.e., S. 281.
Aspirations
et Agissement Revolutionnaires des Comites Armeniens ...,
S. 95 - 103.
Für
genaue Informationen über die Vorfälle in Adana
im Jahre 1909 siehe Cemal Pascha,
Hatirat
( 1913 -1922 ), Istanbul 1922, S. 249 - 256.
Esat Uras: a.g.e. S. 810 - 829.
Mehmet, Asaf: Die Armeniervorfälle und Erinnerungen im
Jahre 1909 in Adana, vorbereitet von Ismet Parmaksizoglu,
Ankara 1982.
Salahi,
R. Sonyel: " The Turco - Armenian Adana Incidents in
the light of Secret British Dokuments ( Juni , 1908 - Dezember
, 1909), " Belleten, Zahl : (20. Dezember 1987 ), S.
1291 - 1338.
Jacques
de Morgan: a.g.e., S. 369.
Raymond H. Kevorkian-Paul B. Pboudjian: Les Armeniens dans
L' Empire Ottoman, paris 1992, S. 29.
Jacques
de Morgan: a.g.e., S. 369
BOA,
DUIT, NU. 67 / 1 - 1; Für die Bestimmungen in französischer
Sprache siehe Hrant Vartabed, L' Empire Ottoman et LS' Independance
de L' Eglise Armenienne, Publications du Dadjar, Nu. 2, Contsntinople
1917, S. 80 - 94.
Der
armenische Bischof Zaven Efendi hat 1898 - 1906 in Erzurum,
1910 in Van, 1919 - 1913 in Diyarbakir gearbeitet, im September
1913 wurde er zum armenischen Patriarchen in Istanbul gewählt,
wurde jedoch auf Grund seiner schädlichen Aktivitäten
nach Bagdat versetzt. Nach dem Waffenstillstand von Mundros
im Jahre 1918 kam er zurück nach Istanbul.
Für weitere Informationen siehe Christopher J. Walker:
a.g.e., S. 426 - 427.
Außerdem siehe auch Zeki Sarihan, Tagebuch des Befreiungskrieges,
I, Ankara 1993, S. 136 - 137.
Atatürk,
M. Kemal: Nutuk I, 1919 - 1920, Istanbul, 1967, S. 2;
Selahattin
Tansel, von Mundros bis nach Mudanya, I, Ankara 1973, S. 106
Ergünöz
Akcora: " Nutzvolle und gefärliche Gesellschaften,
die während des nationalen Kampfes gegründet wurden"
TDTD, Ausgabe : 4 ( April 1987 ) , S. 20.
Für
das Bewerbungsschreiben des Bogos Nubar Paschas siehe
Esat
Uras a.g.e.: S. 923 - 924.
Esat Uras: ogW., S. 943 - 944.
Esat Uras: ogW., S. 943 - 944.
Esat Uras: ogW., S. 943 - 947.
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